Geschichte

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  • Gypsyjazz History (1/3)

    Um zu verstehen wie die Musik des "Jazz Manouche" oder "Gypsyjazz" (auch unter dem Begriff europäischer Jazz bekannt geworden) zustande kam, muss man ein wenig in der Geschichte der Sinti und Roma nachschauen.

    history_sr01Lt. den ältesten zurückliegenden Schriften stammen die Sinti von den Indern ab. Dort lebten und arbeiteten sie bis etwa im 5. Jahrhundert bereits damals schon als berühmte Musiker.
    Oft spielten sie an den Höfen der damaligen Maharadschas, bis sie lt. den Überlieferungen eines Tages aus nicht genannten Gründen bei Hofe in Ungnade fielen und deshalb aus dem Land vertrieben wurden. (Einige Sintis bestreiten zwar diese Version, andere gesicherte Erkenntnisse sind aber auch nicht vorhanden).

    "Sinti und Roma leben bereits seit vielen Jahrhunderten in Europa. In den einzelnen Ländern bilden sie alteingesessene und historisch gewachsene Minderheiten.
    In Deutschland bezeichnet man sie meist als "Sinti", in Ost- und Südosteuropa - wo die Zahl weitaus größer ist - als "Roma". In Frankreich spricht man von "Manouche" oder "Bohemiens", in Spanien von "Gitanos".

    Allerdings ist der Oberbegriff "Sintis" auch gleichzeitig mit einer Fehlinterpretation behaftet. Sintis waren und sind nämlich schlichtweg meist die Musiker im "Fahrenden Volk" der "Zigeuner". So gibt und gab es früher viele unterschiedliche Bezeichnungen für die verschiedenen unter den Zigeunern vorhandenen Berufsgruppen. Es gab die sog. "Kalderescha" (von Kaldera = Kessel), das waren Kessel- und Hufschmiede. Es gab unterschiedliche Namen für Korbflechter, für Händler, Musiker, Pferde- und Tierhändler usw.

    gypsycaravans"Sinti und Roma" ist also nur eine Sammelbezeichnung, die eine Vielzahl von Gruppen umfasst. Hingegen ist der Begriff "Zigeuner" eine Fremdbezeichnung, die von vielen Angehörigen der Minderheit (wie auch von uns) mittlerweile als eher diskriminierend abgelehnt wird.

    "Das Wort Zigeuner ist eine Fremdbezeichnung, die in ähnlicher Form in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Die genaue Herkunft des gemeineuropäischen Ethnonyms ist unsicher und mythisch. Im Deutschen wurde Zigeuner volksetymologisch und fälschlich zu „Zieh-Gäuner“, also „(umher-)ziehende Gauner“ umgedeutet. Auch deswegen wird die Bezeichnung heute vielfach als negativ belastet abgelehnt." (Quelle: Wikipedia)

    Anhand von sprachwissenschaftlichen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die ursprüngliche Herkunft der Sinti und Roma in Indien liegt, denn ihre Sprache, das Romanes, ist eng verwandt mit der altindischen Hochsprache Sanskrit.

    "Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma eigene Romanes-Dialekte, so auch im Fall der deutschen Sinti. Das Romanes wird innerhalb der Familien neben der jeweiligen Landessprache als zweite Muttersprache verwendet." (Wikipedia: Geschichte der Sinti und Roma).

    Mehr lesen -> JM-History (2/3)
  • Gypsyjazz History (2/3)

    roulottes tziganesMusikalische Wege

    So mussten die Sintis also mit ihren Familien ihr Land (Indien) verlassen und zogen dann zunächst zu Fuss, später mit einfachen Pferdewagen über Usbekistan, den Irak, den heutigen Iran (damals Persien), weiter durch Kurdistan, die Türkei bis in den unteren Balkan und bis ins heutige Russland.

    Da sie ja auch irgendwie ihre Familien ernähren mussten, spielten sie oft in den jeweiligen Ländern die Musik die eben dort grade verlangt wurde. Meist auf Festen, zu Feiern oder anderen Anlässen, dort wo sie eingeladen wurden - ihre sprichwörtliche Musikalität war schon damals sehr hoch angesehen. musikerEs gibt einige Berichte wonach Sintimusiker am Hofe von Königen, Fürsten und Baronen immer gern gesehen waren. Sogar einige regionale Protektorate für Sinti sollen dadurch entstanden sein (z.B. in St. Maries de la Mer, wo der damalige Maquis Folco de Baroncelli-Javon(1869-1943), eine symbolhafte Persönlichkeit aus der Camargue in der Region einzelnen Familien ein lebenslanges "Bleiberecht" einräumen liess).

    Bereits in dieser frühen Zeit etablierte sich auch die „Musikalische Ausbildung“ der Nachkommen. So wurden Lieder und bestimmte musikalische Fähigkeiten, Tricks und Spielweisen vom Vater auf den Sohn, vom Onkel auf den Neffen und so wiederum untereinander, nur rein mündlich weiter gegeben.rosenberg 1962 Viele Sintis konnten damals weder lesen noch schreiben, so dass das Lernen von Musik durch Noten, wie heute üblich, nicht zur Wahl stand.

    Die Fähigkeit bestimmte Dinge spielen zu können aber war ihr Kapital mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten (und mussten).

    Es war daher also nicht nur lebensnotwendig ein Instrument gut beherrschen zu können (und deshalb vor allem besser als andere Musiker sein zu müssen), sondern auch möglichst genauso viele Lieder der jeweiligen Länder die sie bereisten zu kennen und auch spielen zu können.
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    Musik war und ist bis heute immer ein zentrales Thema in der Kultur der Sintis. Sie wird zu allen Gelegenheiten gespielt, wann immer man sich trifft und zusammen feiert ist Musik im festen Mittelpunkt.

    Im frühen 13. Jahrhundert besagen die Überlieferungen waren die Sinti bis ins andalusische Südspanien vorgedrungen, deren musikalische Einflüsse sie ebenso mit adaptierten und in ihre Musik mit übernahmen wie schon zuvor bereits italienische Liebeslieder, den ungarischen Csardas und später die französichen Musette-Tänze - alles die Musikstile der Länder die sie zuvor bereisten.

    Alle diese Einflüsse lebten und leben bis heute in der Musik der Sinti und Roma fort.

    Mehr lesen -> JM-History (3/3)


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  • Gypsyjazz History (3/3)

    KZ_9e_50Die dunkle Seite der Macht

    Einer der dunkelsten Abschnitte in der deutschen Geschichte und damit auch in der Geschichte der Sinti und Roma war und ist aber die Zeit des Nationalsozialismus. (Siehe auch unter JM-History -> Völkermord Quelle: Zentralrat Sinti & Roma). Über 700.000 Sinti & Roma wurden in den KZs der Nationalsozialisten ermordet.

    […]"Zwar wurden Sinti und Roma über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt, doch parallel zur Politik der Ausgrenzung hat es gerade auf regionaler Ebene vielfältige Formen eines normalen und friedlichen Zusammenlebens von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung gegeben.

    Vor 1933 waren die deutschen Sinti und Roma als Nachbarn oder Arbeitskollegen vielfach in das gesellschaftliche Leben und in die lokalen Zusammenhänge integriert.Viele hatten im Ersten Weltkrieg oder schon zuvor in der kaiserlichen Armee gedient und waren hoch dekoriert worden. Dies gilt auch für Sinti und Roma in anderen europäischen Ländern.

    KZ_RomaMit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde diese Normalität des Zusammenlebens systematisch zerstört. Auf Grundlage der Rassenideologie wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in Vernichtungslager deportiert."[…]
    (Quelle: Stadtmuseum Erfurt)

    […]"Auch die Verfolgung der Sinti und Roma begann Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

    Unter den Nationalsozialisten erreichte sie aber ihren schrecklichen Höhepunkt. In der nationalsozialistischen Rassenlehre nahmen die Roma eine Sonderstellung ein. Sie wurden zwar teilweise als „Arier“ angesehen, aber ihre Lebensweise passte trotzdem nicht ins Konzept der Nationalsozialisten und so wurden sie meist unter der Kategorie „Asoziale“ in Konzentrationslager eingeliefert."[…]
    (Quelle: http://www.annefrankguide.net/de-AT/bronnenbank.asp?oid=3662)

    Leider haben Ressentiments generell gegenüber fahrendem Volk wie Sinti und Roma (aber auch anderen fahrenden Volksgruppen wie Jenischen oder Schaustellern) bis in die heutige Zeit eine (unglückliche) eine lange Tradition. Und diese, auch "Antiziganismus" genannte Grundhaltung ist leider auch heute noch bei sehr vielen Deutschen und anderen europäischen Nachbarn sehr weit verbreitet.
    FamEmmler
    […]"Antiziganismus ist eine Denkweise, die diese Menschen als „fremd", „müßiggängerisch", „musikalisch“ und „frei", „primitiv“, „archaisch“, „kulturlos“ oder „kriminell“, „nomadisch’“ und „modernisierungsresistent“ kennzeichnet, um nur einige Merkmale zu nennen.
    Antiziganismus richtet sich gegen eine ethnische Minderheit, der ein solches Verhalten als unveränderliche Wesensart unterstellt wird und ist eine bis heute in der heutigen Gesellschaft durchaus akzeptierte Grundhaltung vieler Menschen gegenüber Sinti und Roma.

    Diese Grundhaltung macht es unmöglich, die realen Menschen zu erkennen und sie führt zu massiven Diskriminierungen der Minderheit. Damit lässt sich auch der Antiziganismus als Teil des kulturellen Codes der deutschen – der westlichen - Gesellschaft deuten.
    Antiziganismus beinhaltet oft Projektionen gedeutet, in denen das eigene Wollen und die eigenen Wünsche dem „Anderen“ unterstellt werden.

    Im Antizganismus findet sich auch der Ausdruck des eigenen „fremden“ Ichs, das im Rahmen der Mehrheitsgesellschaft nicht gelebt werden darf .Antiziganismus ist damit eine Abwehrhaltung gegenüber den eigenen individuellen Wünschen. Für die Projektion stehen alte Zigeunerbilder zur Verfügung, denen aber je nach gesellschaftlicher Gegebenheit, neue Bilder gefunden werden können."[…]
    (Quelle: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

    Auf der Website des Zentralrat Deutscher Sinti und Roma findet sich eine sehr ausführliche Erläuterung zu diesen und anderen Vorurteilen. Auf jeden Fall ist ein Besuch auf diesen Seiten eine Pflichtlektüre für jeden der sich näher mit dem Thema auseinander setzen möchte.
    bonjour_django
    Um die Musik der Sinti und Roma zu verstehen, und damit auch den später legendären Swingjazz eines Django Reinhardt der ebenfalls alle diese o.g. Einflüsse in seiner Musik vereinte und damit auch die Musik seiner Nachfahren der heutigen Sintimusiker (wie z.B. eines Bireli Lagrene, Stochelo Rosenberg oder Tschawolo Schmitt uvm.), sollte man sich als interessierter Musiker auf jeden Fall einmal mit all diesen Fakten aber zumindest auch den verschiedenen Musikstilen (zumindest theoretisch) befasst haben.

    […]"Die geschichtlichen Fakten allerdings hatten und haben auch heute noch sicherlich einen grossen Einfluss auf das allgemeine Verhalten und dadurch u.a. auch auf die Musik der Sinti und Roma gehabt."[…] (Wikipedia: Gypsyjazz)

    Wer sich nicht vorstellen kann wie es ist seine Familie ganz oder teilweise in einem KZ verloren zu haben, der wird sicherlich auch kein Verständnis für die Ablehnung finden die uns Deutschen häufig von manchen Sintis deswegen entgegengebracht wird. Es ist Misstrauen eines geschundenen Volkes welches sich völlig natürlich abschottet und versucht sich als Ganzes mit seiner Sprache und seinen Traditionen zu bewahren, zumindest mit dem was davon noch übrig geblieben ist.

    Der sensible Umgang mit diesen Themen und das Verständnis und auch die Toleranz aufzubringen sich mit diesen Dingen intensiver auseinanderzusetzen fehlt leider auch heute noch vielen Menschen (leider auch Musikern!), obwohl dies unser aller Verpflichtung spätestens durch die eigene Geschichte unseres deutschen Landes geworden ist.

    Jeder der sich für Gypsyjazz interessiert sollte dieses zu allererst aufbringen bevor er sich mit der Musik näher befasst. Respekt gebührt zunächst einmal jedem Menschen auf diesem Planeten denn wir sind, auf die eine oder andere Art, alle Ausländer oder Fremde im einen oder anderen Land. Und im Universum sowieso...
    Aber: nur gemeinsam kann man wieder einen Weg zu einem friedlichen Miteinander in gegenseitigem Vertrauen finden - und hier kann (und sollte) die MUSIK eine wertvolle Hilfestellung leisten.

    Musik ist eine universelle Sprache mit der wir uns direkt verständigen können... egal welcher Nationalität und Rasse oder Hautfarbe wir angehören. Musik kann Brücken bauen zwischen den Menschen. Jedoch Respekt und Toleranz einem anderen Menschen oder einer anderen Kultur gegenüber gehören zu allererst und absolut dazu.

    Versuchen wir also zu allererst diesen Respekt und Toleranz bei uns selbst aufzubringen und dann gemeinsam Musik zu schaffen die Grenzen überwindet!


    Mehr lesen -> JM-History -> Völkermord


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  • Neuerscheinung: Und eisig weht der kalte WInd...

    Buch-Neuerscheinung: "Und eisig weht der kalte Wind" von Riccardo Lenzi-Laubinger

    undewigblastderkaltewindDie spannende und ergreifende Geschichte der Familie Weiss-Laubinger von 1925 bis 2017. Auf 288 Seiten erzählt der Sinti-Autor Riccardo Lenzi-Laubinger von der Geschichte seiner Familie, von Vertreibung und Anfeindung, von Flucht und Wiederkehr.
    Mit Witz und Humor, aber ebenso ergreifend wie mitreissend wird die Familiengeschichte schonungslos und offen erzählt.

    Sehr empfehlenswert für jeden der sich für die wahre Geschichte einer Sinti-Familie jenseits von Vorurteilen oder Ressentiments interessiert!

    Paperback, 288 Seite, ISBN-13: 9783743189959
    Verlag: Books-on-demand
    Erscheinungsdatum: 12.12.2017
    Sprache: deutsch
    Preis: 14,99 €

    erhältlich auch bei Thalia.de oder Hugendubel.de
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